Rezensionen

 


Macht versus Recht. Der Hannoversche Verfassungskonflikt 1837-1840.


Jörn Ipsen

München: C. H. Beck Verlag, 2017, 383 S., ISBN: 978-3-406-71276-0, EUR 39


 

Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass durch den Menschen das Recht entstanden ist. Die Macht gab es bereits bei den urzeitlichen Tieren. Von Beginn an musste sich das Recht einen Stammplatz in der Gesellschaft erkämpfen. Die Verfassung in ihrer konventionellen Art konnte erst in der Aufklärung Fuß fassen. Auf diese Weise kann sie ein mehr als zufriedenstellendes und passendes Beispiel dafür sein, wie sich die Macht über Wasser halten konnte.

 

Der von 1981 bis zur seiner Emeritierung an der Universität Osnabrück lehrende Rechtswissenschaftler Jörn Ipsen hat viele interessante Bücher veröffentlicht. Er ist ein Fachmann, wenn es um die Verfassungsgeschichte geht. Das zu besprechende Werk beinhaltet, angereichert durch viele Archivalien, in höchst anschaulicher Weise den Hannoverschen Verfassungskonflikt zwischen 1837 und 1840. Nach einer kurzen Einleitung geht der Autor auf seine Abschiedsvorlesung zurück. Diese hatte den hannoverschen Staatsstreich und die Osnabrücker Verfassungsbeschwerde zum Inhalt.

 

Das Buch ist in 20 Kapitel gegliedert. Dabei wird der Bogen über die Anfänge des Staatsgrundgesetzes von 1833 über die Vertagung der Ständeversammlung, das Gutachten zur Verfassungsfrage, die außenpolitische Absicherung, die Rechtsgutachten der juristischen Fakultäten in Heidelberg, Jena und Tübingen bis zur Proklamation vom März 1848 gespannt. In der Folge zieht der akribisch und genau arbeitende Autor sein Resümee. Er erkennt die endende Despotie im Königreich Hannover. In dessen Zentrum wird der König einem Opportunisten und einem konservativen Charakter gegenübergestellt. Zusammenfassend wird der bestmögliche Grund für jeden weiteren Gedankengang des verfassungspolitischen Protests erkannt. Das Recht konnte demzufolge siegen, wenngleich die Macht dies verzögern, aber keinesfalls abwenden konnte.

 

Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen

 


Verortete Herrschaft.

Königspfalzen, Adelsburgen und Herrschaftsbildung in Niederlothringen

während des frühen und hohen Mittelalters. 


hrg. v. Jens Lieven, Bert Thissen und Ronald Wientjes.

Schriften der Heresbach-Stiftung Kalkar, 16. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2014, 390 S.


 

Der zu rezensierende Sammelband beinhaltet die Vorträge eines Kolloquiums, das am 23. und 24. Februar 2012 auf Schloss Rindern bei Cleves stattfand und Altertumsforscher, Kunsthistoriker und deutsch- und niederländischsprachige Geschichtswissenschaftler zusammenbrachte, um Darstellungen und Errungenschaften der politischen Macht im mittelalterlichen Niederlothringen zu behandeln. Drei Themenstellungen werden in den 14 interessanten, für den Druck überarbeiteten Beiträgen behandelt: die Königspaläste als Zeichen für die Präsenz des Herrschers, der Adel und seine Netzwerke örtlicher Aktionen und die Schlösser des Adels.

 

Es geht also darum, den Palast, die Burg, die bedeutende Abstammungslinie in den politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang dieses Raumes in das Zeitfenster zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert einzufügen. Aus diesem Grund wurde dieser Titel, der auf der konkreten Einpflanzung in die Region besteht und die eine wesentliche Grundlage jeder wirksamen Macht darstellt, gewählt. Im Unterschied zum ursprünglichen Kolloquium wurde ein Aufsatz über Nijmegen und einer über Duisburg angeschlossen.

 

Das einzige Manko besteht darin, dass die kurze Einführung des Herausgebertrios folgerichtig die Ziele des Kolloquiums und seiner Methoden darlegt, aber gleichwohl das Erfordernis sieht, sich auf Adalbéron de Laon um 1025 zu beziehen, um die Dreiteilung zwischen Betenden, Kämpfenden und Arbeitenden zu behandeln. Die unterschiedlichen Autoren verstehen es, die Entwicklungsgänge der Machtverankerung im Raum über eine lange Frist hinweg in Ruhe beobachten, ohne künstliche Zäsuren und Brüche zu suchen. In der Folge werden einige Abhandlungen des zu besprechenden Sammelbandes kurz umrissen.

 

Der 2012 an der Würzbürger Universität zum außerplanmäßigen Professor ernannte Caspar Ehlers analysiert in seiner Abhandlung (Ein peripheres Zentrum? Zur Funktion Niederlothringens für das deutsche Königtum bis 1250) auf dem Fundament von Karten und der Menge der Anwesenheit von Herrschern von den Karolingern bis zu den Saliern, die Entstehung der Rolle des Palastes von Nijmegen und besonders von Aachen, der schrittweise in Richtung einer Rolle des Marienheiligtums für die Feier der deutschen Herrscher abrutscht.

 

Die interessanten Fallstudien werden mit dem Stadtarchivar Bert Thissen (Die Königspfalz Nijmegen. Funktion  – Topographie – Ausstattung) aus Kleve diskutiert. Diese Seiten müssen als einer der bedeutungsvollsten Beiträge des Buches angesehen werden, denn mit einer genauen Analyse der geografischen Bedingungen, archäologischen Spuren und der politischen Rolle des Ortes, bietet es eine ansehnliche Vereinigung über die Geschichte und Evolution des karolingischen Palastes, der sich in eine Großstadt in der Region verändert hat. Günter Krause (Die Duisburger Königspfalz) beschreibt das Duisburger Schloss mit einer anschaulichen archäologischen Aufzeichnung, die die bevorzugte Lage dieses Ortes am Zusammentreffen von Rhein und Ruhr, der Grundlage des Hellweges, der eine karolingische Durchdringung nach Osten in Richtung Werden und Essen ermöglicht, bekräftigt. Es zeigt ferner, wie die Stadt eine Aura erlangt hat, die genügt, um das Absinken ihrer politischen Rolle in dieser Zeit zu verkraften.

 

Kaj van Vliet schaut auf die Stadt Utrecht (Het Utrechtse paltskomplex van keizer en bischop), ihre Rolle als karolingischer Palast im 8. Jahrhundert, dann ihre Auslöschung zwischen 880 und 925 und ihre Rückkehr zur Gnade als großer Bischofspol, der im 11. Jahrhundert mit Heinrich IV. und seinem Sohn Heinrich V. viele Besuche des Machthabers anzog. Der niederländische Geschichtswissenschaftler Michel Groothede fragt sich in seinem Beitrag (Eine fürstliche Pfalz zu Zutphen?), welche Rolle das Städtchen an der Ijssel spielt, einer Flussachse, die den Übergang zwischen Rhein und Ijsselmeer gestattet. Die archäologischen Aufzeichnungen zeigen die Gegenwart eines regionalen Fürstenpols mit einem aktiven Palast für das 10. bis 12. Jahrhundert.

 

Der am Historischen Institut der Universität Essen-Duisburg lehrende Mittelalterprofessor Uwe Ludwig (Verwandten des Grafen Wichmann von Hamaland. Bemerkungen zu zwei Memorialeinträgen im Reichenauer Liber vitae) prüft die Verwandtschaft eines Hamaland-Grafen des 10. Jahrhunderts aus Reichenau-Gedächtnisdokumenten, um die Herkunft und das Gewicht einer Figur zu rekonstruieren, die unter Otto I. und seinem Sohn eine bedeutsame Rolle in dieser Gegend spielte. Klaus Gereon Beuckers (Die Stiftungen der Ezzonen und ihre Stiftungen. Manifestationen  politischer und geistlicher Stellung unter den späten Ottonen und frühen Saliern in Lothringen) erörtert, wie eine bemerkenswerte Linie der Region, welche durch Eheschließung mit den Ottonen verwandt ist, ihre Einflussnahme gestärkt hat, indem sie nach und nach religiöse Stiftungen errichtet hat, die ihrer Religion gewidmet sind.

 

Zur Memoria, vor allem in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, untersucht der an der Bochumer Ruhruniversität lehrende und einen Lehrstuhl für die Geschichte des Frühmittelalters innehabende Jens Lieven (Fuerunt... duo nobiles, germani fratres... Methodisches zur Frühgeschichte der Grafen von Kleve und Geldern) die Grundlagen der Grafen von Kleve und Gelderland. Der Archäologe Peter A. C. Schut beschreibt Wallburgen und Motten des 10. bis 13. Jahrhunderts in der Provinz Gelderland, während der im September 2013 nach einer schweren Krankheit verstorbene Historiker und Archivar Stefan Frankewitz (Burgen der Grafen von Geldern) aus der nordrhein-westfälischen Stadt Geldern die Führung von Klutenimplantationssystemen und zweitrangigen Kontrollpunkten zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert betont.

 

Schließlich erlaubt ein ansatzweise historisch ausgerichteter Textbeitrag zur Kunstgeschichte von Elizabeth den Hartog (The twelfth-century sculpture of the Cleves Castle and its stylistic context) von der Universität Leiden eine detaillierte Analyse der skulpturalen Ausschmückung des Schlosses von Kleve, die mit den Kapitellen und Zierden des gleichen Zeitabschnitts gegenübergestellt wurde, welche in Lüttich, Maastricht oder Saint-Trond aufbewahrt wurden. Das zeigt, dass es trotz der Schäden und Wechselfälle der Stadt eine Dekoration von hoher Qualität gab, welche stark von der Mosaik-Skulptur inspiriert war. Dass sich die Autorin sowohl für Architektur- und Kunstgeschichte als auch für Mittelalterstudien interessiert, kommt in ihrem Text voll zur Geltung.

 

Am Ende wechselt das Buch Gott sei Dank zwischen gut fundierten geschichtlichen Verknüpfungen und gut geführten Fallstudien. Ob wir die archäologischen Aufzeichnungen beobachten oder uns den Rätseln der Machtausübung zuwenden, alles ist denkbar. Ein Historiker, der  seine unmittelbare Gegend mit all ihren Facetten und Geschichten betrachtet, sollte es keineswegs unterlassen, diese Themen in seine Erkenntnisse einzubauen. Dem Herausgebertrio ist mit dem zu rezensierenden Sammelband ein sehr interessantes Werk gelungen. Bleibt zu hoffen, dass auch andere geschichtsträchtige Regionen dem Beispiel folgen und spannende und aufschlussreiche Teilaspekte ihrer Vergangenheit dem Publikum in Buchform präsentieren werden.

 

Mag. phil. Andreas Raffeiner, Bozen